50 % Fahrpreis, 100 % Gesprächsstoff 

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Wenn Zuhören zur Visitenkarte wird.

Den ICE nutze ich gerne. Nicht nur, weil das Reisen entspannter für mich ist als die Autobahn, sondern auch, weil man ins Gespräch kommt oder solchen unfreiwillig beiwohnt. Wer regelmäßig im Großraumwagen sitzt, kennt das: Telefonate, die man nicht überhören kann, Gespräche am Nebentisch, die mehr verraten, als den Beteiligten bewusst ist. Manche empfinden das als störend. Für mich ist es Berufsalltag in anderer Kulisse.

Eine Zugfahrt im Dezember

In einem zurückliegenden Dezember nutzte ich die Zeit am Tisch, um meine Weihnachtskarten zu schreiben. Der Cartoonist Dirk Meissner entwirft sie Jahr für Jahr für mich – jede Karte ein kleines Kunstwerk, das nach ein paar persönlichen Zeilen verlangt. Der Stapel ist beträchtlich, also nutze ich jede Gelegenheit, um ihn abzuarbeiten. Zugfahrten eignen sich dafür hervorragend: kein Telefon, keine Ablenkung, nur das gleichmäßige Rauschen der Strecke.

Mir gegenüber saß ein Herr in seinen Vierzigern, gepflegtes Erscheinungsbild, in ein Telefonat vertieft. Er sprach ausführlich über einen Kundenbesuch, über Verhandlungen, über nächste Schritte. Sehr höflich, sehr strukturiert, vermutlich mit jemandem aus seinem Innendienst. Ich schrieb meine Karten und hörte mit halbem Ohr zu.

Wer war dieser Mann? Mein Ehrgeiz war geweckt. Die Gesprächsfetzen deuteten auf Vertrieb hin, vermutlich Key-Account-Manager oder eine Ebene darüber. Einen Firmennamen hatte er erwähnt, aber das war offensichtlich der Kunde, nicht sein Arbeitgeber. Eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten. Und da er immer noch telefonierte, war die Direktansprache noch keine Option.

Der Spaß der beiläufigen Recherche

Dann kam der Schaffner. Die Fahrkarten wurden kontrolliert, die BahnCard lag auf dem Tisch. Damals, als die Deutsche Bahn noch physische Karten ausgab, war die Sache einfach. Der Name war sichtbar, ich musste ihn nur über Kopf lesen.

Es stellte sich heraus, dass mein Gegenüber einen prominenten Namensvetter hatte: einen US-amerikanischen Schauspielstar mit beachtlicher Filmografie. Was wäre das für eine Suche geworden – zwischen IMDb, dem People Magazine und den anderen 140.000 Fundstellen bei Google? Zum Glück gibt es LinkedIn. Ein paar gezielte Filter, und ich hatte ihn identifiziert.

Ich notierte mir seinen Namen und schrieb weiter an meinen Weihnachtskarten. Eine davon adressierte ich an ihn.

Der Moment

Minuten später beendete er seinen Call. Er sah zu mir herüber, neugierig geworden.

»Was schreiben Sie denn da so konzentriert?«

»Weihnachtskarten«, sagte ich und zeigte ihm das Motiv. »Ein Freund zeichnet sie jedes Jahr für mich.«

»Sehr charmant. Und was machen Sie beruflich?«

Ich schob die letzte Karte in den Umschlag, auf dem bereits sein Name stand.

»Ich bin Personalberater. Ich suche Menschen per Direktansprache. Und diese Karte hier«, ich tippte auf den Umschlag, »ist für Sie.«

Er bekam Farbe. »Moment. Sie haben mich identifiziert? Einfach so?«

»Nun, Sie haben Hinweise gegeben. Recherche ist mein Handwerk, Aufmerksamkeit der Feinschliff. Und wenn Sie mögen, nehmen Sie meine Kontaktanfrage bei LinkedIn an.«

Einen Moment lang war er sprachlos. Dann lachte er.

Was danach kam

Ich möchte nicht missverstanden werden: Es ist keineswegs so, dass ich meine Mitreisenden ausspioniere oder digital stalke. Die meisten Zugfahrten verbringe ich mit Arbeit, Lektüre oder dem Blick aus dem Fenster. Aber manchmal ergibt sich etwas, ein Gespräch, eine Beobachtung, ein Detail, das hängenbleibt.

Die Weihnachtskarte war in diesem Moment ein netter Anknüpfungspunkt. Wir waren bereits im Gespräch, die Stimmung war entspannt, und mein Gegenüber hatte Humor. Was als kleine Demonstration meines Handwerks begann, wurde zu einer angeregten Unterhaltung über seinen Werdegang, seine Branche, seine Sicht auf den Markt.

Wir haben danach den Kontakt gehalten. Nicht als Geschäftspartner, nicht als Kandidat und Berater, einfach als zwei Menschen, die sich zufällig im ICE begegnet sind und festgestellt haben, dass sie sich etwas zu sagen haben.

Aufmerksamkeit als Berufskompetenz

Was bleibt von dieser Geschichte? Vielleicht die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit unterschätzt wird. In meinem Beruf ist sie essenziell. Wer Menschen finden und ansprechen will, muss zuhören können – nicht nur in Interviews, sondern überall. Im Gespräch, im Vorbeigehen, im Zug.

Die besten Kontakte entstehen selten am Schreibtisch. Sie entstehen, wenn man präsent ist, wenn man Signale wahrnimmt, wenn man bereit ist, einen Moment zu nutzen. Das gilt für die Personalberatung, aber es gilt auch weit darüber hinaus.

Ich beobachte oft, wie Menschen reisen: Kopfhörer auf, Laptop vor sich, abgeschottet von der Umgebung. Das ist verständlich, Zugfahrten sind auch Arbeitszeit, auch Ruhezonen. Aber manchmal lohnt es sich, die Kopfhörer abzunehmen. Wer weiß schon, was sich aus einer zufälligen Unterhaltung entwickelt? Und sei es nur das kurzweilige Springen von einem Bahnhof zum nächsten.